Kollaborateure & Kollaboratives Schreiben
Cultural Theorist Avital Ronell wrote an amazing book about »Stupidity«. Translated now in german, published by Binkmann&Bose. Some notes about pornography and the potential of being stupid, sometimes: »If one were to state the only possible ethical position, it would have to be this: I am stupid before the other.«
»There is nothing more theoretical than the language on the street.«
(Paul de Man)
Der erste Skandal um das Pornographische begann mit der Enhüllung eines Namen: Friedrich Schlegel. »Vor ihm hat niemand, der bei Verstand war, ein pornographisches Werk unterschrieben.« Es geht um »Lucinde«, ein kleiner Roman, erschienen 1799. Skandalös war dabei weniger die konkrete Bennenung sexueller Akrobatik, sondern eine grundlegende Verschiebung von Alltag und Lust, von Heim und Herd. Schlegel unterläuft die ordnungsstiftende Institution der Ehe indem er sie zum Liebesnest macht. Die Ehefrau ist dem Erzähler »zärtlichste Geliebte«, »beste Gesellschaft« und »eine vollkommene Freundin«. Es ist die Verqueerung seiner Welt zu Beginn der Romantik. »Sie (die Gebrüder Schlegel) machten das Persönliche politisch ohne den Auschluss des Erotischen zu wiederholen. Die Art, wie die Sexualität sich sozial einschrieb, beinhaltete wichtige Neuverhandlungen des Gesellschaftsvertrags«. Der vorlaute und strenge Literaturkritiker Schlegel hatte ernst genommen, was bisher als triviale Unterhaltung galt - und nicht nur als Literatur, sondern auch als Lebenspraxis. Worin also besteht die Dummheit von einem, »der nicht bei Verstand« ist?
»Die Versuchung besteht darin, der Dummheit den Krieg zu erklären - ...«, so beginnt Avital Ronell ihre Geschichte der Dummheit - ein vetracktes, schwer greifbares Ding. »Sie spielt bei den gefährlichsten Verfehlungen menschlichen Strebens eine Rolle, wobei sie weder eine Pathologie noch direkt ein Index für moralische Versäumnisse ist.« Doch was im einen Moment lähmt, mag sich im nächsten schon wieder als Antriebskraft offenbaren. »Sich dumm fühlen« war eine der Zündungen für dieses Buch, wie bei jedem Akt des Schreibens, die Angst vor der Dummheit stets im Hintergrund lauere. Eine Erfahrung aus Kindheitstagen. Geboren in Prag, Kind israelischer Diplomaten, eine Immigrantin, die mit der fremden Sprache noch unsicher ist, »außerdem war ich auch noch dumm in Mathe, und ich verstehe Umgangssprache immer noch nicht ganz.« Später studiert sie Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft in Berlin, Paris und New York, arbeitete mit Jacques Derrida und Hélène Cixous, dann kam Berkeley und heute ist sie Professorin an der Princeton Uni in New York. Manchmal mag fundamentale Verunsicherung auch die Sinne für Wissen und Unwissenheit schärfen und so wird das Unbehagen Ausgangspunkt für eine weitere Form von Theorie. Eine Umkehrung der Frage: Was heisst denken? Und ein Pamphlet gegen die Meßbarkeit von Intelligenz. Aber auch Gilles Deleuze hat mit der Motivation für dieses Buch zu tun. In seinem Nachlass war eine Notiz gefunden worden, die vorschlug, »ein Denken der Dummheit zu entwickeln: niemand habe je einen Diskurs produziert, (...), der die transzendentalen Prinzipien der Dummheit befragt hätte.« Spätestens seit dem »Telefonbuch« (2001) von Avital Ronell mag man erahnen, wie ernst sie so einen Ruf, einen An-ruf nehmen kann. Ronell fühlte sich gemeint. Dann war da noch Beckett. Der hatte sich in einem Interview von James Joyce abgegrenzt, der »zur Allwissenheit und Omnipotenz« geneigt habe.« Er aber, Beckett, »arbeite mit Impotenz und Unwissenheit.« Die Körper kommen immer wieder mit ins Spiel.
So populär und naheliegend die Frage nach der Dummheit auch klingen mag, Avital Ronell hat sich einer offensichtlichen Aktualität immer verweigert. Bezüge zum Alltäglichen flimmern allein zwischen den Zeilen, klingen an in Zwischenüberschriften. Gegenstand ihrer Untersuchungen sind eben nicht die uns als allzu dumm erscheinenden Phänomene, nicht Spaß- und Populärkultur, nicht Dummheit im politischen Handeln, Ronell sucht die Dummheit innmitten der Philosophie; sie verhandelt Immanuel Kant, Paul de Man, Hegel, Nietzsche, Foucault, Jean-Luc Nancy, Kierkegaard, Rousseau, William Wordsworth, Dostojewksi und Flaubert, Hannah Arendt aber auch Thomas Pynchon, Walter Benjamin und viele andere. Was nicht heißt, dass man erst seinen Hegel oder Kant gelesen haben muss. Oder anders: mit und durch Ronell all diese Autoren zu lesen, bereitet eine spezielle Art von Vergnügen. Ronell seziert nicht, sondern verschiebt, ihre Argumente liegen in der Sprache. Mit Ronell zu argumentieren ist ein Unding. Ihre Bezüge zum Jetzt bestehen in einer Aktualisierung der genannten Autoren. Sie betreibt ein Update der Philosophie indem sie daraus Literatur macht. Die Texte von Trinh T. Min-ha wären unter Umständen vergleichbar.
Facetten von Dummheit gibt es genug: »Unverständlichkeit« und »Nicht-Verstehen«, »Blödigkeit« und »Lächerlichkeit«, »The idiot Boy« und »das Risiko als Narr zu erscheinen«, »Dumb & Dumber«, »das Laschheitsethos des ›whatever‹« und die »Unwissenheit der Körper« usw. Allein die »Liebe ist einer der wenigen Schauplätze, an denen es öffentlich erlaubt ist, dumm zu sein.« Es geht nun nicht darum, jemanden als »dumm« zu outen, sondern den Begriffen näher zu kommen. Auch wenn mit Heidegger und Paul de Man immer auch die Frage im Raum steht, was ist es für eine Dummheit zum Nazi, zum Kollaborateur zu werden. Allein Robert Musil kommt schlecht weg. Dabei geht es weniger um Musil selbst, sondern um die Art, wie Ronell ihn sich vornimmt. »Robert Musil, der mit Sicherheit dem Kanon der deutschen Literatur der Moderne angehört, ist für undurchqueerbar gehalten worden, politisch ›sauber‹, eine feministinnenfreie Zone. Tatsächlich wurde auf einer Konferenz zu seinem hundersten Geburtstag gesagt, dass Musil für Feministinnen, Homosexuelle und politisch korrekte Praktiker unangreifbar sei. Diese Art von Gewissheit liess meine Antennen ausfahren. Warum geht es hier?«
Avital Ronell hat Talent, sich zwischen den Fronten zu platzieren. Sei es innerhalb der Universität oder ausserhalb. Den einen ist sie zu unwissenschaftlich, den anderen zu abstrakt. Doch ausserhalb kleiner Expertenkreise scheint Avital Ronell allzu schwer vermittelbar. Anfang der 90er, als »Drug Wars« auch auf deutsch als Taschenbuch verlegt wurde, gab es einen kurzfristigen Hype. Da überschnitten sich Bezugnahmen und Referenzen zwischen Pop, Theorie und Feminismus. Zur selben Zeit erschien in der REsearch Reihe der Band »Angry Women«. Neben Lydia Lunch, Sapphire, Kathy Acker, Valie Export, Linda Montano, Carolee Schneemann oder Annie Sprinkle wirkte Avital Ronell eher wie ein Alien. Man nannte sie gern »Terroristin im Elfenbeinturm«. Jenseits der Dichotomien pro-contra porn oder political correctness diskutierten die »angry women« die Spielarten von Performance und Überschreitung. Doch während die meisten vor allem mit Körpereinsatz arbeiteten, ging es Ronell vielmehr um die Überschreitung von Sprache, Wissen, Technologie und Denken, um grundsätzliche Verschiebungen, nie um Tabubruch.
Es sind allerdings die Körper und ihr performatives Potential die ihren subkulturellen Reiz behalten haben. Ein Porn Revival liegt in der Luft. Wir sind bei Post Porn angelangt. Parallel zum ersten PornFilmfestival in Berlin hat sich Timi Mei Monigatti alias Tim Stüttgen einen Kongress ausgedacht, der Querness, Feminismus und Porno zusammenbringen will und den von Annie Spinkle propagierten Begriff des Post Porn aufgreift. Die einzige Identitätspolitik die hier zählt heisst pleasure. Mit all den Fragen, die das mit sich bringt, von Produktionsbedingung bis zu Biopolitik. Es geht um ein Theoretisieren, das vom Sex ausgeht und nicht um Pornographie, die im Denken steckt. Mal sehen. »Friedrich Schlegel bekam Schwierigkeiten wegen des pornographischen Codes, den er in den philosophischen Diskurs eingebracht hatte. Diese inkompatiblen Codes - der pornographische und der philosophische, die Seite an Seite stehen - führten dazu, dass Friedrich durch alle ernsthaften Deutschen, von Hegel bis Kierkegaard und Dilethey, enteignet wurde.«
Text: Annett Busch