Ich, ein Working Girl

»Being a working girl means understanding economics in sexual as well as business terms.« As secretaries or stenographers, showgirls or shop girls, young women with new self-confidence, also known as Working Girls, became a glamourous mass phenomenon in the 20ties. Now they seem to celebrate a comeback as favourite objects for young academics searching for PHD subjects.

Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt: »Happy girls -- who can not love them? Mit rosigen Wangen, strahlenden Augen und elastischem Schritt! How carefully they go to work!« Notiert wurde dieser Satz 1863, nachzulesen in Robert Merry's Museum (http://www.merrycoz.org/museum/GIRLS.HTM). Spätestens in den 20er Jahren werden die sogenannten Working Girls zum Massenphänomen und Projektionsfläche ihrer Zeit. Ihre diffuse Ungeduld und Neugierde treibt sie aus dem Haus. Das Leben ihrer Mütter soll das ihre nicht werden, welches Leben statt dessen, dafür gibt es noch kein Programm. Sie werden keine feministischen Pamphlete schreiben, sondern das Diktat des Chefs aufnehmen, sie machen sich hübsch, lassen sich nicht den Mund verbieten und träumen doch von der Liebe. Alles scheint offen, alles könnte auch anders sein. Die »Mädchen mit dem eiligen Gang« migrieren von der Provinz in die Großstädte, nach Berlin, Paris, London, New York, um sich zwischen neuer Technologie und Tanzsalons ein möglichst aufregendes Leben einzurichten. Doch sie sitzen an Schreibmaschinen, Telefonsteckanlagen und Morsegeräten,inmitten der modernsten Kommunikationskanäle, haben Kontakt zu jedermann und doch nichts zu melden. Und ob und wie man beim Morsen die Girls tatsächlich an ihrem Kommunikationsstil erkennen konnte, vermögen wahrscheinlich nur Kittlerschülerinnen zu erklären. Nur wenige Sekretärinnen jedenfalls werden Schriftstellerin, wenige Telefonistinnen landen beim Film, kaum eine wird Chefin und viele schliddern mit ihren geringen Gehältern stets entlang der Armutsgrenze. »Und es wird mir eine Wohltat sein, mal für mich ohne Kommas zu schreiben und richtiges Deutsch - nicht alles so unnatürlich wie im Büro.« Irmgard Keuns »Kunstseidenes Mädchen« möchte »schreiben wie Film.«

Giggelnd und schwazend, mit unzähligen Puderdosen hantierend, nehmen sie selbstbewusst den Raum ein und drängeln sich vor dem Spiegel in »Our Blushing Brides« (Harry Beaumont,1930). In William Thieles' »Privatsekräterin« (1931) sitzen die jungen Frauen im Großraumbüro einer Bank je an einem Tischchen und hacken flink in die Tasten ihrer Schreibmaschine. Im Off potenziert sich das geschäftige Stakkato und schwillt an zum rhythmisch vorwärtstreibenden Maschinenlärm, der an den derben Sound einer Fabrikhalle erinnert. Im »Grand Hotel« (1931) überlagert sich ununterbrochenes Klingeln mit den freundlich hektischen Stimmen der Telefonistinnen und in Dorothy Arzners »Working Girls« (1931) ist es der Aufenthaltsraum eines Wohnheims, wo eine jede ihrer Tätigkeitkeit nachgeht, eine Schallplatte aufgelegt, zum Tanz aufgefordert wird. Working Girls treten stehts in Gruppen auf, erzählt wird in all den Filmen und Romanen jedoch immer nur von einer, jener, die am Ende den Chef heiraten wird. »Sex and the City«, »Ally Mc Beal« und »Bridget Jones« werden erst 70 Jahre später über die Fernsehschirme flimmern und sind doch gar nicht so weit davon entfernt.

Nun sitzen zwei Akademikerinnen, Anfang 30, in München an ihren tragbaren Computern und bereiten ihren ersten Kongress vor. Einen alten/neuen Begriff wollen Heide Volkening und Sabine Biebl ins akademische Leben einführen und auf die Probe stellen: Das Working Girl. Ausgangspunkt war das Sonderprogramm »Weiblich, Ledig, Jung vor Ally McBeal« das Verena Mund vor gut zweieinhalb Jahre für die Feminale in Köln organisert hat. Doch das Thema scheint in der Luft zu liegen. Allein in den letzten fünf Jahren sind dazu, im weiteren Sinne, über vierzig Publikationen erschienen. Geschrieben oder herausgegeben von popkulturell geschulte Akademikerinnen auf der Suche nach den Schnittmengen von nachmittäglichem Fernsehprogramm, Gender, Style, Mode, Konsum und einem Thema für die Doktorarbeit. Ähnlich wie in den Forschungen rund um das Pop-, Material- und Riot Girl, geht es auch hier darum die Potenziale des vermeintlich Naiven und Passiven auszuloten, die Ambivalenz zwischen forschem Auftreten und diffuser Haltung. Das »Girl« befindet sich in einem ähnlichen Übergangszustand wie die Arbeit die es tut. Weder männlich, weiblich noch betont androgyn sind ihm Festschreibungen aller Art zuwider. Und in ihrer Rolle als aufgeschlossene Konsumentinnen wurden Working Girls wiederum zu Katalysatoren innerhalb der Unterhaltungsindustrie.

Bei jener Konferenz (http://www.angestellten.de/workinggirls/index.html) die schliesslich Ende Februar in einem völlig zugeschneiten München stattfand, während man sich andernorts auf den Jobgipfel vorbereitete, wolte niemand einen nostalgisierenden Blick auf die glorreichen 20er werfen, wenngleich eine Menge Material aus Germanistik, Soziologie und Film zusammengtragen wurde. Vielmehr sollte es darum gehen, Fragen zu entwickeln, die weniger auf die Tätigkeit, denn auf die Wechselwirkung von Selbstinszenierung und Selbstbetrug, Macht, Lust und Projektion zielen. Die könnte man einer Moderatorin bei Viva möglicherweise genau so stellen wie einer freischaffenden Programmiererin oder Sekretärin. »Welche Möglichkeiten gibt es für das Working Girl, aus seiner Situation Kapital zu schlagen? Wie stellt sich die Verbindung von Ware und Working Girl narrativ und visuell her, wie stellt sie sich in der Realität dar? Welche Strategien des ›self-fashioning‹ bieten sich dem Working Girl unter der Voraussetzung einer zunehmenden optischen Serialisierung und habituellen Normierung durch Medien, Mode und Freizeitkultur? Welche neuen Lebensformen und Beziehungs-Konstellationen werden gelebt, versprochen oder in Szene gesetzt? Welche Rolle spielen weibliche Sexualität und weiblicher Hedonismus für das Working Girl? Wie verhalten sich Männerphantasie und weibliche Wunsch- und Bildproduktion zueinander? Welche Verschiebungen ergeben sich in einer hierarchisierten Geschlechterordnung, wenn das working girl zur Schaltstelle zwischen Geld und Ware, Rede und Schrift oder Sender und Empfänger wird?« so die Organisatorinnen.

»Working Girls? Kenn ich, ich bin auch eins«, war prompt die halb ironische Reaktion vieler Teilnehmerinnen auf die Einladung. Aber was genau sie damit gemeint haben mögen? »Being a working girl means understanding economics in sexual as well as business terms,« wird Verena Mund später erklären. Von vornherein war das Working Girl von einer so schillernden wie perfiden Ambivalenz gekennzeichnet, die sich zwischen Sex, Diktat und den Versprechungen von Mobiliät und Karriere erstreckt, zwischen strategischer Aneignung und Fiktion. Ende der 60er verschiebt sich die Ambivalenz, das »Working Girl« meint explizit die Sexarbeiterin und die Hurenbewegung eignet sich den Begriff an. Anfang der 70er macht die Roger Corman Schülerin Stephanie Rothman die Working Girls in L.A. im gleichnamigen Sexploitation Film zu ihren Hauptdarstellerinnen (»they'll do anything for money«) und auch Lizzie Borden wird 1986 ihrem Film über das Leben dreier Prostituierten in Manhatten denselben Titel geben. Vier Jahre später wiederum setzt Mike Nichols den Titel ins Singular und erzählt mit »Working Girl« von der süssen Rache einer Sekretärin (Melanie Griffith).

Soweit. Doch was kann dieser Begriff und auf wen liesse er sich produktiv anwenden? »Doing the Job through doing Sex« oder »Doing Gender through doing the Job«? Skepsis kam vor allem von seiten der Soziologie. Stefan Hirschauer outete sich nicht spontan als working boy, sondern konterte mit Gegenfragen. Postnormative Genderforschung zu betreiben sei sein Ziel und eben nicht, die Unterschiede endlos auszudifferenzieren. Von Working Girls zu reden heisst eben auch, weiterhin das Aussergewöhnliche daran herauszustellen und festzuschreiben. Dass Boys arbeiten scheint selbstverständlich, es auszusprechen redundant. Von Working Girls zu reden oder sich als ein solches zu bezeichnen, heisst erstmal nicht, eine bestimmte Tätigkeit zu definieren, sondern egal welches Tun in ein Verhältnis zu setzen.